Runtastic

Komme gerade vom Joggen zurück. Mir wurde erzählt, dass beim Sport Serotonin, eine Art Glückshormon ausgeschüttet wird. Sowie beim Schokolade essen. Habs erst mit Schoko probiert. War mir irgendwie bequemer als Sport. Gemütlich im Trainingsanzug (oder auch mal im Ballkleid wenn dieser grad in der Wäsche war) am Sofa Schoki gefuttert. Hatte nicht das Gefühl, dass ich mit Serotonin, ergo Glück, überschüttet worden bin. Vielleicht war die Dosis zu gering? Daher die Ration gesteigert und gesteigert, bereit den Glückshormon-Kick in Empfang zu nehmen. Wurde dicker und dicker, aber nicht glücklicher. Jetzt also probiere ich es mal mit Sport.

Komme gerade vom Joggen zurück. Bin NICHT froh!!! Bin aufgebracht, geladen, empört und angriffslustig! Aber, der Reihe nach:

Nach dem aufstehen erstmal geduscht. Möchte nicht stinkert trainieren. Zähneputzen, anziehen, Handy und neu erworbene Lauf-Bauchtasche fürs Handy sowie Schlüssel schnappen und es kann eigentlich schon losgehen.

Halt! Kopfhörer. Für Musikhören.

Habe bereits festgestellt, dass ich mit der richtigen Musik mehr Leistung bringen kann und vor allem will! Weil, ich stelle mir dann einfach vor ich tu nicht rennen sondern tanzen. Tanzen tu ich gern. Rennen nicht ganz so gern. Aber ich wenn ich renne und mir dabei vorstelle es wäre tanzen…

Aber dazu brauche ich Musik. Und Kopfhörer.

Zur Melodie von The Winner Takes It All, singe ich:

„Wo sind die kleinen Scheißer
ich kann sie nicht finden
da muss ich wohl Matthias seine um die Ohren binden…“

The winner takes it all…ja, ich will ein Gewinner sein und alles haben. Alles! Aber jetzt genügt erstmal ein Serotoninausstoß beim Joggen. Also, los gehts.

Halt! Erst noch die App Runtastic öffnen.

Schließlich möchte ich auch mal auf Facebook zeigen wie ich in sieben Minuten fünfzehn Kilometer laufen kann. Und dann bewundern mich alle und ich kriege ganz viele likes. Und das macht mich dann glücklich, falls das Serotonin versagen sollte.

Für die, die Runtastic nicht kennen: das ist eine App fürs Handy welche Fitnessaktivitäten – wie Laufen, Radfahren oder Walken – via GPS aufzeichnet. So weiß man wie schnell, wie lange und auf welcher Route man sich körperlich ertüchtigt hat, wieviele Kalorien man verbrannt hat und was weiß ich was noch alles. Und dann kann man seine Leistung auf Facebook posten und ganz viele likes bekommen. Ja. Ich will ganz viele likes! Und Serotonin!!

Drei, zwei, eins, Runtastic – Los

Also auf Runtastic-Start gedrückt, Handy im Bauchtascherl versenkt und…-

Halt! Musik. Auf Runtastick-Pause gedrückt und die Musikapp Spotify aufgemacht.

Ich habe zwar nur noch 2GB für das restliche Monat aber das ist mir jetzt sowas von egal. Ich will durch Sunnyvale tanzen und brauche Musik. Fürwahr ich sollte mir eine Playlist zum tanzen erstellen…na egal, ich nehm einfach meine Playlist, die ich mir fürs häkeln erstellt habe. Die tuts für heute.

Aber jetzt! Spotify-Start gedrückt und… – Werbung erschallt. Wenn man kein kostenpflichtiges Premium-Mitglied ist muss man leider die Werbung in Kauf nehmen.

Macht aber nix. Bis ich Runtastic-Start gedrückt habe und das Handy ins Bauchtascherl gleiten habe lassen ist nämlich auch die Werbung vorbei und Musik strömt durch Matthias‘ Kopfhöhrer in meine Ohren.

Ich tanze los. Vielleicht ist da sogar schon ein klitzekleiner Funken Serotonin? Oh, ich liebe diesen Song!

Dann fällt ein Kopfhörer aus dem Ohr. Stopfe ihn zurück. Der andere Kopfhörer fällt aus dem Ohr. Ich stopfe ihn zurück. Beide Kopfhörer fallen aus den Ohren. Schnaufend (und nicht weil ich außer Puste bin) pfriemle ich sie zurück und habe somit meine Lieblings-Lied-Stelle verpasst. Ich tanze nun nicht mehr freudig sondern laufe, ebenso wild wie die Kopfhörer vor meiner Brust baumeln.

Na so wird das nix. Spotify-Stop; Runtastic-Stop; ich kehre um und suche zuhause meine Kopfhörer.

Ich versenke meine weniger großen Kopfhörer in meine, offensichtlich zu klein geratenen Ohrmuscheln, drücke Runtastic-Start und Spotify-Start und tanze erneut fröhlich los. Ich komme nicht weit. Zwei Block weiter nämlich, beginnt mein neues Bauchtascherl bei jedem Schritt mit zu wippen – es ist wohl zu locker eingestellt. Bleibe stehen, schnüre es enger und tanze munter weiter.

Aber bereits ein Block weiter baumelt es schon wieder locker um meine Hüften.

„What the f***?“ murre ich, und versuche es tanzend enger zu stellen. Gelingt nicht. Bleibe stehen und zurre es fest. Laufe nun weiter, grad kein Bock mehr auf tanzen. Nach nur wenigen Schritten läuft nun auch die Nase und mein Bauchtascherl ist wieder in der Stimmung ein Bierfass zu umarmen.

„Hrrrgh!!!“ bleibe ich stehen, putze die Nase und verknote das gschissene Bauchtascherl um meine Lenden. Laufe etwas verdrossen weiter und habe jetzt Seitenstechen! Na toll.

Komm schon, Kiki, du musst tanzen, nicht laufen, konzentriere dich auf die Musik!

Mag das Lied nicht. Aber um auf das nächste Lied schalten zu können müsste ich, seufz, stehen bleiben, meine gschissene Bauchtasche aufknoten, das Handy rausholen, auf weiter drücken, es wieder verstauen, die gschissene Bauchtasche wieder zuknoten…uff, nein. Da laufe ich jetzt lieber ein paar Minuten und tanze später zu einem besseren Lied!

Ich will tanzen, nicht joggen!

Ich quäle mich joggend durch die nächsten fünf Titel. Ja, ich weiß, es ist meine, von mir erstellte Playlist. Aber fürs Häkeln! Nicht fürs Sportln!

Aber endlich, mein derzeitiger Lieblingssong, Whenever von Sting, erfüllt meine Ohren und Körper und ich tanze beschwingt los. Ja, ich glaube das Serotonin hält Einzug. Ja, ja, ja, jaaaaaa!

Dann plötzlich, mitten im Lied: Stille. Zögerlich tanze ich weiter. Aaargh, ist schon wieder Werbung oder was? Nein, keine Werbung. Stille. Leise vor mich hin brummelnd jogge ich noch einen Block weit. Stille. Bleibe verägert stehen und krame fluchend mein Handy aus dem gschissenen Bauchtascherl.

Die Spotify-App hat sich einfach abgedreht! Gschissenes Bauchtascherl UND gschissene App! Hrrrrgh!!!

Ich atme tief ein und aus, sonst wird das heut nix mehr mit Glückhormonen und so. Dann drücke ich auf Spotify-Start und benötige mein halbes Lieblingslied lang das Handy wieder im gschissenen Bauchtascherl zu versenken und dieses zu verknoten.

Aber jetzt wird getanzt! Egal welcher Titel gespielt wird! Ich will tanzen! Ich komme ein paar Block weit bevor wieder die grausliche Stille einkehrt.

„Käsen-Scheiß!!!“ geifere ich, „wie soll ich denn bitteschön bei dieser Grabesstille leidenschaftlich bis zum Serotoninausstoss tanzen können???“

Rauch bläst aus meinen Nüstern als ich stehen bleibe um die Himmelsakra-Mist-Spotify-App neu zu starten. Und dann beginnt die Seelenstörung schlechthin! Denn die depperte App gibt jetzt irgendein dummes Lied von sich welches sich überhaupt gar nicht in meiner Playlist befindet!

Sapperlot zum Donnerwetter, ICH WILL DOCH NUR TANZEN!!!

Ich stoppe die gschissene App und starte meine Playlist neu. Nein. Die App ist beharrlich. Soll wohl offensichtlich diesen Jazz-Wahnsinn hören. Das ist ja schlimmer als Werbung. Erstelle neue Playlist und drücke auf Play. Jazz ertönt. Nachdem ich die App dreimal geschlossen, neu aufgemacht und auf alle erdenklichen Arten und Weisen versucht habe Whatever von Sting zu hören und immer und immer wieder bei Jazz landete, drehe ich die Musik angewidert ab.

Schweigend jogge ich los, setze keuchend einen Fuss vor den anderen und japse mit Seitenstechen heim. Zuhause schaue ich auf Runtastic, welch atemberaubendes Ergebnis dieser Lauf wohl gebracht hat. Gar keins. Denn Runtastic hatte sich bereits nach zweiundreißig Sekunden einfach wieder abgeschaltet….

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*